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Zwischen Strategie und Möglichkeit: Wie offen sind wir für das Ungeplante?

  • 7. Apr. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Jan.



Die Unplanbarkeit des Fortschritts

Es gehört zu den großen Erzählungen der modernen Führung, dass Fortschritt das Ergebnis von linearer Planung, Strategie und Kontrolle sei. Regierungsprogramme, Reformpakete und fünfjährige Businesspläne suggerieren, dass die Zukunft das Ergebnis wohlüberlegter Entscheidungen sei.

Doch ein Blick in die Geschichte und die Märkte zeigt ein anderes Bild. Die entscheidenden Veränderungen waren selten das Resultat ausgeklügelter Pläne. Es waren Ereignisse, die niemand vorhergesehen hatte: spontane Umbrüche, plötzliche Kipppunkte, glückliche Zufälle.


Zufall als treibende Kraft

Viele Meilensteine unserer Entwicklung hatten keine zentrale Planung. Das Internet wurde nicht durch einen Regierungsbeschluss zum Massenphänomen, sondern durch seine offene Struktur und die unvorhersehbare Dynamik seiner Nutzer. Wikipedia entstand als Nebenprojekt, das sich verselbständigte; die MeToo-Bewegung wuchs aus einem einzelnen Tweet; Fridays for Future begann mit einem einsamen Schulstreik.

Was diese Beispiele verbindet: Sie zeigen, wie aus einem unvorhersehbaren Impuls eine globale Dynamik entstehen kann, sofern die Umgebung offen genug ist, um das Überraschende nicht sofort als „Störung“ zu unterdrücken. Veränderung geschieht dort, wo vorhandene Spannungen auf das Ungeplante treffen und ein Fenster der Möglichkeit aufgeht.


Blockade durch Steuerung: Wie Kontrolle neue Impulse verhindert

Gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit neigen Verantwortliche jedoch zum Gegenteil: Sie setzen auf Verwaltung, Schadensbegrenzung und technokratisches Krisenmanagement. In der Politik führt dies zu Detailregelungen; in Unternehmen zu einer lähmenden KPI-Hörigkeit und einer Null-Fehler-Toleranz.

Unsicherheit hat dazu geführt, dass Führung als Technokratie verstanden wird – als Versuch, Komplexität durch Steuerung, Kontrolle und Detailregelungen zu bändigen. Was dabei verloren geht, ist die organisatorische Wandlungsfähigkeit. Wenn jede Minute durchgetaktet und jedes Risiko wegoptimiert wird, entsteht ein gesellschaftlicher und unternehmerischer Stillstand. Wir sind dann zwar handlungsfähig im Sinne von „wir arbeiten Listen ab“, aber wir sind nicht mehr wandlungsfähig. Die Energie fließt in die Absicherung des Bestehenden, während der Raum für das Neue schrumpft.


Das Prinzip im Alltag: Wenn das Spontane erstickt wird

In der Wirtschaft hat diese Sehnsucht nach Steuerung einen hohen Preis: den Verlust der Innovationskraft. Ein Unternehmen, das nur innerhalb seines Businessplans operiert, wird von der Realität überholt, sobald diese vom Plan abweicht.

Echte Disruption folgt selten einer Agenda. Sie ist oft das Resultat eines produktiven Zufalls – der Fähigkeit, eine ungeplante Entdeckung rechtzeitig als Chance zu begreifen und nutzbar zu machen. Wer Innovation will, aber keine Abweichung vom Prozess erlaubt, begeht einen Denkfehler. Führung bedeutet heute nicht mehr, den Weg metergenau vorzugeben, sondern ein „Ökosystem der Möglichkeiten“ zu schaffen. Räume, in denen Experimente scheitern dürfen, damit aus dem Zufall ein neuer Standard werden kann.


Offene Systeme schaffen Möglichkeiten

Offene Systeme – seien es Gesellschaften oder Organisationen – zeichnen sich durch ihre Reaktionsfähigkeit auf das Unerwartete aus:

  • Akzeptanz der Unplanbarkeit: Pläne werden als Hypothesen verstanden, nicht als Dogmen.

  • Fehlertoleranz: Irrtümer gelten als notwendige Datenpunkte auf dem Weg zum Erfolg.

  • Vielfalt statt Konformität: Unterschiedliche Perspektiven werden als Frühwarnsystem für neue Chancen genutzt.

  • Vom Risiko zum Potenzial: Das Überraschende wird nicht als Bedrohung der Ordnung, sondern als Rohstoff für die Zukunft begriffen.


In solchen Systemen können glückliche Zufälle produktiv werden. Sie bieten Räume für Diskurs, für Spontanität, für Bewegung.


Die Illusion technischer Planbarkeit

Die Sehnsucht nach Steuerbarkeit wird zunehmend durch Technik genährt. Algorithmen, Datenanalysen, künstliche Intelligenz – sie alle versprechen, das Unvorhersehbare beherrschbar zu machen. Je mehr Informationen zur Verfügung stehen, so die Logik, desto planbarer erscheint die Zukunft.

Doch auch hier bleibt die Frage: Entsteht dadurch wirklich Veränderung, oder schrumpft nur der Raum für Spontaneität, für Überraschung, für eigenständige Dynamiken?

Technik kann Prozesse erleichtern. Sie kann Entscheidungen vorbereiten. Aber sie kann das Unerwartete nicht abschaffen. Und sie darf nicht dazu führen, dass wir den Mut verlieren, mit dem Zufälligen und Offenen zu leben.


Warum wir unsere Spielräume verlieren

Es wäre zu einfach, die Verantwortung allein bei den Entscheidungsträgern oder der Technik zu suchen. Auch wir selbst tragen dazu bei, dass der Raum für das Unvorhersehbare enger wird.

Unsere Gegenwart ist geprägt von einer extrem geringen Fehlertoleranz. Empörungskultur, Aufmerksamkeitsökonomie und das mediale Bedürfnis nach klaren Verantwortlichkeiten lassen kaum noch Spielräume für Experimente, Uneindeutigkeiten oder neue Perspektiven.

Gleichzeitig wächst der Druck, schnell zu liefern, Lösungen zu präsentieren, Sicherheit zu gewährleisten. In einem solchen Klima bleibt wenig Platz für das Spontane, sei es in der großen Politik, in Unternehmen oder im lokalen Alltag.


Offen bleiben für das Unvorhersehbare

Die größte Versuchung unserer Zeit ist die Illusion, alles ließe sich planen und steuern. Doch gerade dort, wo Kontrolle zur obersten Maxime wird, verliert die Zukunft ihren Raum.

Veränderung entsteht nicht durch die perfekte Strategie. Sie entsteht dort, wo Menschen den Mut haben, Unsicherheit auszuhalten. Wo Fehler möglich sind. Wo neue Wege nicht nur erlaubt, sondern willkommen sind.

Die Zukunft gehört nicht den Kontrollierenden, sondern den Neugierigen. Nicht jenen, die alles im Griff haben, sondern denen, die bereit sind, sich überraschen zu lassen.

 
 
 

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